Hintergrund

Musik erreicht mehr als den Intellekt. Sie kann Botschaften transportieren, die tiefer gehen als rein diskursive Methoden.

Das Projekt „1884“ , bei dem Musiker_innen afrikanischer Herkunft die gleichnamige CD 1884 einspielten, will auf der Basis von Musik ein Bewusstsein für die bis heute wirksamen und oftmals verhängnisvollen Folgen eines rund 125 Jahre zurückliegenden Ereignisses wecken: der so genannten „Afrika-Konferenz“ oder auch „Kongo-Konferenz“.

Vom 15.11 1884 – 26. Februar 1885 fand diese Konferenz auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Bismarck in Berlin statt. Ihr Schlussdokument, die „Kongoakte“, bildete die Grundlage für die willkürliche, gewalttätige Aufteilung Afrikas in europäische Kolonien.

Die Folgen des Koloninalismus für Afrika, wie Enteignung, Zwangsarbeit, Vergewaltigungen, Zwangsrekrutierung, Entwürdigung und Ressourcenraub sind vielfältig und sollten hinlänglich bekannt sein.

Doch auch für Europa ist der Kolonialismus über viele Jahrzehnte hinweg ein sehr bestimmendes Phänomen – allein schon, weil er die weltweite Dominanz weißer europäischer Gesellschaften, ihrer Weltanschauungen, Wirtschaftsweisen und Geschichtsbilder auf brutalste Weise demonstrierte und dauerhaft zementierte.

Der daraus entstandene weltweit grassierende und auch in Deutschland zwar offiziell meist verleugnete aber dennoch ständig wirksame Anti-Schwarze-Rassismus gegenüber Menschen afrikanischer Herkunft ist nur eines der andauernden Resultate.

Gleichzeitig leiden unter den rein an den Interessen der Kolonialmächte orientierten Grenzziehungen zahlreiche afrikanische Länder und ihre Bevölkerungen bis heute, wie sich nicht zuletzt an den zahlreichen Territorialkonflikten auf dem Kontinent ersehen lässt.

Trotz seiner tief greifenden und für die Betroffenen und ihre Nachkommen bis heute kaum erträglichen Folgen, ist der Kolonialismus in Deutschland kein wirkliches Thema. Der schulische Geschichtsunterricht übergeht dieses Kapitel weitgehend, und so ist es kaum verwunderlich, dass unter weißen Deutschen wenig Kenntnis darüber besteht.

Gleichzeitig aber ist der Kolonialismus bestimmender Teil der Geschichte von Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland. Der Mikrozensus 2007 zählt in Deutschland allein 480.000 Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund im engeren Sinne (d.h. Personen mit mindestens einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil), darunter 342.000 Personen mit eigener Migrationserfahrung.

Dazu kommt eine vom Statistischen Bundesamt nicht aufgeschlüsselte Zahl von Menschen mit afrikanischen Bezügen im weiteren Sinne: z.B. Afro-Deutsche ab der dritten Generation, illegalisierte Flüchtlinge, Nordamerikaner/innen, Lateinamerikaner/innen etc. afrikanischer Herkunft sowie eine erhebliche aber den vorliegenden Statistiken ebenfalls nicht detailliert entnehmbare Zahl von Menschen, deren historischer Hintergrund auf nicht-afrikanische kolonialisierte Länder zurück geht (z.B. Indien, Indonesien, etc.).

So kann man durchaus von einem großen blinden Fleck in der deutschen Erinnerungskultur sprechen: weiße Deutsche wissen in der Regel nichts von diesem Kapitel ihrer eigenen Geschichte, und entsprechend wird es als prägender Bestandteil der Geschichte nicht-weißer Deutscher nicht wahrgenommen und schon gar nicht gewürdigt.

Im Gegenteil: die aus der kolonialen Haltung resultierenden meist unbewussten Rassismen wirken unerkannt und unhinterfragt weiter und bestimmen das Verhältnis weißer zu schwarzen Deutschen bis heute maßgeblich.

Aber auch unter denen, die täglich unter Rassismus und anderen Folgen der kolonialen Attitüde leiden und darum kämpfen, in dieser Situation ihre Würde zu bewahren, sind die historischen Hintergründe nicht ausreichend bekannt, so dass auch die Darstellung und Interpretation ihrer eigenen Geschichte in der Hand weißer „Spezialisten“ liegt.

So geht es darum, der den Diskurs in Deutschland dominierenden Perspektive der Kolonisierenden, deren Nachfahren immer noch eine privilegierte Position einnehmen, die Perspektive der Kolonisierten gegenüber zu stellen, die bis heute unter Entwürdigung, wirtschaftlicher Ausbeutung des Kontinents durch europäische Mächte leiden.

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