Hintergrund

Sängerin Mariamu Morris bei „1884“-Konzert in der Berliner WERKSTATT DER KULTUREN (© Daniela Incoronato)

decolonize with music

1884″ – das dekoloniale History-Through-Music-Projekt

Vom 15.11 1884 – 26. Februar 1885 fand in Berlin auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Bismarck die so genannte „Kongo Konferenz“ oder auch „Berliner Afrika-Konferenz“ statt. Ihr Schlussdokument, die so genannte „Kongoakte“ legitimierte die brutale wie willkürliche Aufteilung Afrikas in europäische Kolonien. Ihr Schlussdokument, die  „Kongoakte“, bildete die Grundlage für die willkürliche, gewalttätige Aufteilung Afrikas in europäische Kolonien.

Heute sieht sich der Kontinent mit den schwerwiegenden Folgen dieser wirtschaftlichen und kulturellen Ausschlachtung seiner Ressourcen konfrontiert. Doch trotz der Verstrickung deutscher und afrikanischer Geschichte klafft ein Loch in der gesellschaftlichen Aufarbeitung der Vergangenheit.

Die Cd „1884“, das sind 13 Titel, ein umfangreiches Booklet mit Liedtexten in den afrikanischen Sprachen Fanti, Malinké, Pidgin, Swaheli, Lingala, Wolof, Zulu sowie in Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch jeweils mit deutschen Übersetzungen, sowie eine Zeittafel, die Stationen des antikolonialen Widerstandes skizziert.

Dass der koloniale Alltag für Afrikaner_innen aus Enteignung, Zwangsarbeit, Vergewaltigungen, Zwangsrekrutierung und Ressourcen-Raub bestand dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein.

Doch dass er auch für Europa ein bestimmendes Phänomen ist – allein schon, weil er die weltweite Dominanz weißer, europäischer Gesellschaften, ihre Weltanschauungen, Wirtschaftsweisen, Ästhetiken und Geschichtsbilder auf brutalste Weise implementierte und dauerhaft zementierte – wird meist negiert.

Gleichzeitig leiden unter den sogenannten „Berliner Grenzen“, den rein an den Interessen der Kolonialmächte orientierten Grenzziehungen, auch zahlreiche afrikanische Länder und ihre Bevölkerungen bis heute, wie sich nicht zuletzt an Territorialkonflikten auf dem Kontinent ersehen lässt.

Gitarrist Dizzy Mandjeku bei 1884-Abschluss-Konzert des „Festival afrikanischer und afrodiasporischer Literaturen“ in Bayreuth (©Daniela Incoronato)

Trotz seiner tief greifenden und für die Betroffenen und ihre Nachkommen bis heute schwer erträglichen Folgen, ist Kolonialismus in Deutschland noch immer nicht wirklich Thema. Der schulische Geschichtsunterricht übergeht das Kapitel weitgehend, und so ist es kaum verwunderlich, dass unter weißen Deutschen wenig Kenntnis und Reflexion darüber besteht.

So kann man durchaus von einem großen blinden Fleck in der deutschen Erinnerungskultur sprechen: weiße Deutsche interessieren sich in der Regel nicht für dieses Kapitel ihrer eigenen Geschichte, und entsprechend wird es als prägender Bestandteil der Geschichte Schwarzer Deutscher nicht wahrgenommen – und schon gar nicht gewürdigt.

Im Februar 2010, 125 Jahre nach der unheilvollen Berliner Afrika-Konferenz, veranstaltete die WERKSTATT DER KULTUREN in Berlin die Geschichtskonferenz „1884“.

Das dekoloniale Band-Kollektiv „1884“ in concert, Berlin Werkstatt der Kulturen (© Daniela Incoronato)

Musiker_innen afrikanischer Herkunft waren zu Vorträgen, Filmvorführungen und Workshops eingeladen, thematisch verhandelt wurde die „Geschichte Afrikas vor der Kolonialinvasion“, „Sprachenpolitiken in Afrika“, „Kolonialismus im Film“ sowie „Afrikanische Widerstandsbewegungen gegen die koloniale Unterwerfung“.

Der historische, sprach-, kultur-, und filmwissenschaftliche Input der 4-tägigen Konferenz sowie die biografischen Erfahrungen der Teilnehmenden bildeten die Grundlage für die Entstehung von Gegen-Narrativen und Gegen-Erinnerungen zu den häufig bagatellisierenden Darstellungen des europäischen Kolonialismus. So entstanden die Songs für das Album „1884“, das nach zwei Wochen intensiver Proben an zwei Wochenenden im professionellen Tonstudio eingespielt wurde.

Produzent, Bassist und Sänger Jonas Bibi Hammond (links) mit den Sängern Solo Sow (Mitte) und Ange da Costa (© Daniela Incoronato)

„1884“, das sind: sind 13 Titel, ein Booklet mit Liedtexten in den afrikanischen Sprachen Fanti, Malinké, Pidgin, Swaheli, Lingala, Wolof, Zulu sowie in Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch jeweils mit deutschen Übersetzungen, sowie eine Zeittafel, die Stationen des antikolonialen Widerstandes skizziert.

Musikalisch bedient sich das Album afrikanischer und afro-diasporischer Genres wie Afro-Beat, Highlife, R&B, M’Balax, Souk, Jazz, Hip Hop und Salsa.

Die Songs auf „1884“ erzählen von den großen und kleinen, den politischen und den privaten Auswirkungen, die die Teilung des Kontinents heute noch für Millionen von Menschen in Afrika hat. Sie erinnern an diejenigen, die für die Freiheit afrikanischer Nationen eingetreten sind, korrigieren westliche Perspektiven auf Afrika und kommentieren die Grenzpolitik der EU.

Konzert 1884 – Produzent, Bassist, Sänger Jonas „Bibi“ Hammond (© Daniela Incoronato)

Gleichzeitig zitiert „1884“ den Sound international bekannter afrikanischer und afro-diasporischer Musiker der 70er- und 80er-Jahre wie Fela Kuti und Bob Marley, die sich mit Fragen von Kolonialismus, Postkolonialismus, Neokolonialismus, Dekolonisierung, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung auseinandersetzten, sowie den Sound der Widerstands- und Hoffnungslieder der südafrikanischen Anti-Apartheid Bewegung, der entscheidend von Hugh Masekela und Miriam Makeba geprägt wurden.*

Das Album „1884“ 

ist auf Bestellung

für 15€ (zzgl. 3€ Porto) erhältlich bei:

 jonasbibihammond@googlemail.com

___________________________________________________

„1884“ ist eine Produktion der

WERKSTATT DER KULTUREN

Künstlerische Gesamtleitung: Philippa Ebéné

Musikalische Leitung: Jonas „Bibi“ Hammond

Band Leitung: Abdourahmane Gilbert Diop

__________________________________

*Entnommen dem Beitrag der

Bundeszentrale für politische Bildung:

Kolonialgeschichte in Noten

Wie das Berliner Band-Kollektiv „1884“ musikalisch zur historischen Bildung beiträgt

Kolonialgeschichte in Noten – Wie das Berliner Band-Kollektiv „1884“ musikalisch zur historischen Bildung beiträgt

bzw.

https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/kulturelle-bildung/143775/praxisbeispiele

______________________________

Mehr Informationen:

Ohne Erinnerung keine Zukunft

15.11.2019 – Staatsministerin Michelle Müntefering zum 135. Jahrestag der „Kongo-Konferenz“.

Vor 135 Jahren, am 15. November 1884, begann die „Kongo-Konferenz“ in Berlin, bei der die kolonialen Großmächte den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten. Einflusssphären wurden festgelegt und gemeinsame Regeln zur „Besitzergreifung“ vereinbart. Die tiefgreifenden Folgen sind bis heute allgegenwärtig. Doch die koloniale Vergangenheit war seitdem ein blinder Fleck in unserem Gedächtnis. Viel zu lange haben wir diesen Teil der Geschichte verdrängt. Dabei sind wir umgeben von Relikten jener Zeit, nicht nur in den ehemaligen Kolonien, sondern auch hier in Deutschland. 

Die Spuren des Kolonialismus begegnen uns in den Vitrinen und Depots unserer Museen als vermeintlich exotische Objekte aus fernen Ländern, in Denkmälern und Straßennamen in unseren Städten, die den Kolonialisten gewidmet sind. Auch in unserer Sprache findet sich das Erbe der Kolonialzeit unreflektiert wieder – wie etwa dem sprichwörtlichen „Platz an der Sonne“. 

https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/muentefering-berliner-kongo-konferenz/2270408

_________________________________________

15. November 1884: Afrika wird auf Kongo-Konferenz verteilt

15. 11. 2011 – Über Afrika wussten sie recht wenig, die Vertreter Europas, der USA und des Osmanischen Reichs, als sie sich in Berlin vor einer großen Karte trafen, um sich Afrika aufzuteilen. Am 15. November 1884 begann die Kongo-Konferenz.

„Im Namen des allmächtigen Gottes!“ So beginnt die Generalakte der Berliner Konferenz, auch Kongo-Konferenz genannt, die am 15. November 1884 in Berlin begonnen hatte. Dann folgt eine lange Liste von Majestäten, die es sich angelegen sein ließen, hier ihre Ansprüche auf Afrika zu regeln. Genauer gesagt: hauptsächlich aufs Kongo-Becken, das der belgische König kontrollierte ohne Rücksicht auf die Wünsche der Franzosen, Briten und Portugiesen. Persönlich anwesend war kein gekröntes Haupt, so hoch schätzte man den dunklen Kontinent mit den wilden Menschen und Tieren nun auch wieder nicht, man schickte seine Minister, Staatssekretäre, Legationsräte, Kammerherrn, Botschafter und was der Regierungsapparat sonst noch so hergab. Sie kamen aus den europäischen Ländern, aus den USA und aus dem Osmanischen Reich, aber nicht aus Afrika.

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/1511-Afrika100.html

______________________________________________

Die neu verhandelte Afrikakonferenz

25.02.2010 – Bei der Berliner Afrikakonferenz vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 teilten die Kolonialmächte Afrika mit dem Lineal unter sich auf. Eine Willkür, die sich bis heute nicht nur in den Landkarten festgeschrieben hat. In Erinnerung an den 125. Jahrestag der Afrikakonferenz werden nun ihre Auswirkungen diskutiert in Form eines „Tribunals“, bei dem heute und am Freitag in der Werkstatt der Kulturen in „Experten- und Zeugenanhörungen“ etwa der deutsche Völkermord an den Herero oder auch der Beitrag der Philosophen zum Kolonialismus diskutiert werden. 

__________________________

Kolonialisten vor Gericht

AFRIKA-KONFERENZ – Ein zweitägiges Tribunal untersucht rassistische Diskriminierung Afrikas

25.02.2010 – Ab dem heutigen Donnerstag tagt in Berlin ein öffentliches Tribunal, das über die Folgen der Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten im 19. Jahrhundert urteilen soll. Für zwei Tage wird eine Jury in Zusammenarbeit mit einem Ankläger und Experten über die „Berliner Afrika-Konferenz“ 1884/85 und ihre Folgen bis heute zu Gericht sitzen. 

_______________________________________

Wir danken für die Unterstützung von

:

%d Bloggern gefällt das: